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Urteilsbildung in der medizisch-psychologischen Fahreignungsdiagnostik

W. Schubert, R. Mattern, Herausgeber: Urteilsbildung in der medizisch-psychologischen Fahreignungsdiagnostik. 2005. Bonn: Kirschbaum. 174 Seiten, EUR 98,-

Ein für die Verkehrspsychologie wichtiger Text, der den Prozess der Gutachtenentwicklung zur Fahreignungsprognose beschreibt, ist - endlich - öffentlich gemacht. Sein Inhalt liegt seit  Jahren in der überwiegenden Mehrzahl der Begutachtungsstellen für Fahreignung (BfF) als Grundlage zur Erarbeitung der von Fahrerlaubnisbehörden angeforderten Prognosen in Grundzügen vor und ist für die Gutachter verbindlich. Zugänglich war der Text zunächst nur den im Verband der Technischen Überwachungs-Vereine e.V. (VdTÜV, dazu gehört auch DEKRA) angesiedelten BfF, die die Beurteilungskriterien für die Gutachtenerstellung seit Jahrzehnten entwickelt haben und nun der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt haben: Ein bis dahin vertraulich gehaltenes Arbeitsmittel für die Gutachtertätigkeit und insofern von kritischer Seite als "Geheimwissenschaft" von zweifelhaftem Wert attackiert. Auch im Kreis der Hochschullehrer gab es in der Vergangenheit den Vorwurf des Mangels an wissenschaftlichen Grundlagen für die Gutachtertätigkeit. Diesen Kritikern ist nun der Wind aus den Segeln genommen.

In der Sache war die Kritik schon deshalb nicht angemessen, weil eine relativ große Zahl von Autoren - 15 sind im Geleitwort genannt - mit sowohl wissenschaftlicher als auch praktischer Kompetenz die Beurteilungskriterien erarbeitet haben. Wie, und mit welchen finanziellen Mitteln das bewerkstelligt wurde, ist in der Einleitung (S. 13-22) ausführlich abgehandelt. Damit wird gleichzeitig ein historischer Überblick über die Entwicklung zur prognostischen Gutachtertätigkeit gegeben, der für die jungen Mitarbeiter in den BfF besonders lesenswert ist, weil sie die fachliche Entwicklung der Verkehrspsychologie nicht erlebt haben. Vieles davon wurde tatsächlich nicht öffentlich gemacht.

Für die quantitativ erstrangig relevanten Anlässe - durch Alkohol- und Drogenmissbrauch im Verkehr auffällig gewordene Bewerber um eine Fahrerlaubnis - kann die gutachterliche Prognose der Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen in ihrer Entstehung und fachwissenschaftlichen Begründung jetzt nachvollzogen werden, auch von kritisch eingestellten Rechtsanwälten oder Kollegen aus anderen Teilgebieten der Psychologie. Wer zukünftig an einem Gutachten einer amtlich anerkannten Begutachtungsstelle für Fahreignung Anstoß nehmen will, sollte zuvor dieses Buch aufschlagen, um unsachliche Argumentation zu vermeiden oder seine Kritik mit den Argumenten der Beurteilungskriterien zu untermauern.

Die größte Bewerbergruppe hat ihre Fahrerlaubnis in der jüngeren Vergangenheit wegen Alkohol am Steuer und/oder Verkehrsdelikten verloren. Dieser Zielgruppe wenden sich die Autoren in den Kapiteln 3 "Hypothesen und Beurteilungskriterien bei Alkohol- und Verkehrsauffälligkeiten (AV)" (Seite 47-61) und 5 "Indikatoren zu den AV-Kriterien und zu Hypothese 0" (Seite 63-114) ausführlich zu. Die wissenschaftlichen Grundlagen der Prognosen sind so gefestigt und nachvollziehbar dargelegt, dass bei deren Umsetzung in Gutachten fehlerhafte Prognosen weitgehend ausgeschlossen werden können.

Die in jüngerer Zeit häufiger werdende Gruppe von Antragstellern, die ihre Fahrerlaubnis wegen Drogenmissbrauchs (im Zusammenhang mit dem Führen eines Kraftfahrzeugs) eingebüßt hat, wenden sich die Autoren in den Kapiteln 4. "Hypothesen und Beurteilungskriterien bei Drogenmissbrauch (D)" (Seite 57-61) und 6 "Indikatoren zu den D-Kriterien" (Seite 115 bis 141) ebenfalls sehr ausführlich zu. Hier wird der neuen einschlägigen Literatur (zusammengestellt auf den Seiten 170 bis 173) die für die Gutachtenpraxis erforderliche Beachtung geschenkt.

Als Konsequenz für die Autoren und Herausgeber war der Wunsch zu verstehen, dieses Werk als normatives Dokument in die Voraussetzungen der Akkreditierung von BfF durch die Akkreditierungsstelle aufzunehmen. Nach einer Mitteilung der Bundesanstalt für Straßenwesen vom 20. Mai 2005 macht sie für alle "akkreditierten oder zu akkreditierten Träger in Deutschland" die Anwendung der "Beurteilungskriterien" ab dem 02. Januar 2006 verbindlich.

Den Autoren wäre dann noch der Wunsch zu übermitteln, möglichst bald die Palette der Beurteilungskriterien auf derzeit noch seltener auftretende Gutachtenanlässe zu erweitern. Etwa auf Jugendliche, die sich um eine vorzeitige Erteilung der Fahrerlaubnis (z.B. landwirtschaftliche Zugmaschinen) bemühen, Untersuchungen im Rahmen des Waffenrechts oder ältere Fahrzeugführer, die mit körperlichen oder psychischen Besonderheiten auffällig geworden sind und Zweifel an ihrer Fahreignung ausgelöst haben. So sehr der Rezensent seine Freude zum Ausdruck bringen will, dass das Buch den größeren Teil der Arbeit in den BfF öffentlich und auf fachwissenschaftlicher Basis nachvollziehbar macht, so möchte er die Herausgeber doch auch darin bestärken, ohne langes Zögern einen Teil 2 für die kleineren Anlassgruppen zu planen.

Die Pflicht, das zu ermöglichen, liegt bei den beiden Fachgesellschaften, in deren Namen die Herausgeber handeln.

Dr. rer. nat. Walter Schneider
Professor der Universität Hamburg