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Begrüßung durch den Rektor der Universität Regensburg

Herzlich Willkommen meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, lieber Herr Mayer-Gramko und die anderen Organisatoren und Mitarbeiter dieses Kongresses. Ich stehe vor Ihnen in mehrfacher Funktion: zum einen als Rektor und Hausherr, der Sie an der Universität Regensburg herzlich begrüßt und sich über dieses Zeichen der Forschungs- und Weiterbildungsaktivität freut. Zum zweiten als Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle und Angewandte Psychologie, der sich seit seiner Diplomarbeit im Jahr 1970 mit verkehrspsychologischen Themen immer wieder auseinandergesetzt hat. Zum dritten als Sprecher der Fachgruppe Verkehrspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Und nicht zuletzt als Vertreter des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesverkehrsministeriums. Ich habe bei der Vorbereitung dieses Kongresses allerdings keinerlei Schwierigkeiten gehabt, diese verschiedenen Rollen miteinander zu vereinbaren und hoffe auch jetzt in der Lage zu sein, als Alf Zimmer sich mit Ihnen darüber zu freuen, dass dieser Kongress unter so guten Randbedingungen - selbst das Wetter spielt mit - zustande gekommen ist.

Welcher Bedeutung die Verkehrsthematik zukommt, kann man daran sehen, dass z. B. allein im Freistaat Bayern ca. 10 % aller Berufstätigen im Bereich Verkehr tätig sind, dazu kommen noch die Mitarbeiter der großen Automobilfirmen; ähnliches lässt sich über die Situation in der Bundesrepublik sagen: Verkehr spielt eine große Rolle für Gesellschaft und Wirtschaft. Nicht zuletzt wird auch immer wieder in den Rahmenprogrammen der Europäischen Union die Verkehrsthematik zentral behandelt: beginnend mit PROMETHEUS Ende der 80er Jahre.

Angesichts der immensen und unmittelbar sichtbaren technischen Infrastruktur, die Verkehr benötigt, hat es immer wieder nahegelegen, Verkehr primär als technisch und dann sekundär als rechtliche Regelungsaufgabe zu sehen. Es ist insofern kein Wunder, dass z.B. die Europäische Union die intern festgelegten Richtzahlen hinsichtlich Verkehr (Senkung der Anzahl der Unfälle, Verkehrstoten und Verletzten) ausschließlich über technische und rechtliche Maßnahmen erreichen will. Sieht man sich jedoch die Komplexität des Straßenverkehrs an (und in wenn auch geringeren Umfang gilt das auch für alle anderen Verkehrsmodi), dann wird sehr deutlich, dass allein mit technischen Maßnahmen und rechtlichen Regelungen ein Funktionieren dieses Systems nicht erreicht werden kann: Die Komplexität des Verkehrsflusses überschreitet bei weitem die technischen Möglichkeiten was Sensorik und Regelung angeht, und jeder weiß, dass bei stringenter Einhaltung der StVO - also Fahren nach Vorschrift - der Straßenverkehr in kürzester Zeit zum Stillstand kommen würde. Die entscheidende Größe bei der Regelung dieses Systems ist das menschliche Verhalten, das trotz aller auftretenden Schwierigkeiten zu einem sich vielfach selbst organisierenden effektiven System der Mobilität führt.
Aufgrund von Fahrbeobachtungen, die wir in Experimenten in Regensburg durchgeführt haben, habe ich einmal abgeschätzt, in welchem Verhältnis aktiv Sicherheit herstellende Tätigkeiten des Kraftfahrers zu aktiv gefährdenden Tätigkeiten stehen, und das Ergebnis liegt in etwa beim Verhältnis 70 zu 1; das heißt, der normale Autofahrer stellt in den meisten Situationen aktiv Sicherheit her, allerdings nicht perfekt, denn er macht natürlich auch Fehler, die sicherheitsrelevant sind. Sowohl das Verkehrsrecht, wie auch vielfach die darauf basierenden Anfragen an die Psychologie haben sich bislang allzu sehr auf diese Verstöße focussiert und diese sanktioniert, anstatt sich zu fragen was denn die Situationen auszeichnet, wo aktiv Sicherheit hergestellt wird, und wie man es anstellen könnte, die Häufigkeit dieser Aktionen zu erhöhen. Die Konsequenz die sich daraus für alle Verkehrsarten ergibt, besteht darin, dass der Mensch eben nicht primär als Fehlerquelle gesehen wird, der ein eigentlich perfektes technisches und rechtliches System der Schwierigkeiten bringt, sondern als Akteur für Sicherheit. Damit wird aber deutlich, dass Verhalten und damit Psychologie als die primäre Verhaltenswissenschaft für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung des Verkehrssystems von zentraler Bedeutung ist.

Dass dies nicht nur die Äußerung eines verkehrspsychologischen Lobbyisten ist, kann man daran sehen, wie von der politischen Öffentlichkeit die Thematik dieses Kongresses aufgegriffen ist: Der Bundesverkehrsminister Bodewig hat die Schirmherrschaft übernommen und wünscht dem Kongress alles Gute, mit der Bitte um Verständnis, dass in der heißen Phase des Wahlkampfes ein Besuch nicht möglich ist. Auch in der Bayerischen Staatsregierung wird die verhaltensbezogene Verkehrswissenschaft als zentrale Zukunftsaufgabe gesehen. Das Bundesforschungsministerium hat eine entsprechende Enquete veranstaltet und die Fachgruppe Verkehrspsychologie hat auf dieser Grundlage und eigenen Überlegungen eine zukunftsorientierte Forschungskonzeption zu dieser Thematik vorgelegt. Nicht zuletzt hat die von der Kultusministerkonferenz und der Hochschulrektoren-Konferenz eingesetzte Kommission zur Reform des Psychologiestudiums Verkehrspsychologie fest verankert. Damit sind Voraussetzungen gegeben, um in Forschung und Lehre Verkehrspsychologie dauerhaft und innovativ zu gestalten.

Ich erhoffe mir sehr, dass von diesem Kongress Impulse ausgehen, die nicht nur im Kollegenkreis das notwendige Selbstbewusstsein schaffen, sondern dass auch für die Öffentlichkeit transparent gemacht wird, dass Verkehrspsychologie bei weitem mehr leistet, als Reparaturmaßnahmen, wenn das Mensch-Verkehrs-System einmal nicht funktioniert oder nicht funktioniert hat.

Genauso wie ein technisches System gleichermaßen von der Leistungsfähigkeit der Sensorik, der Informationsverarbeitung und Aktuatoren abhängig ist, genauso werden in einer zukunftsorientierten Verkehrspsychologie deren Komponenten weiterentwickelt werden müssen, von der Diagnostik über die menschgerechte Verkehrsmittelgestaltung bis hin zur Bildung, Aufrechterhaltung und Wiedererlangung von Mobilitätskompetenz.

Wie sehr sich dieser Kongress als zukunftsorientiert versteht, wird aus dem Motto deutlich, wo eben Mobilität nicht mehr nur auf die physische Mobilität beschränkt wird, sondern deutlich darauf hingewiesen wird, dass wir schon jetzt im Verkehrssystem eine Interaktion von menschlichem Verhalten, technischer Infrastruktur und informationellen Prozessen haben; bei jeder neuen mobilitätsbezogenen Fragestellung wird die Form und Gestaltung der Interaktion dieser Komponenten neu bestimmt werden müssen.

Ich bin mir sehr sicher, dass der Verkehrspsychologie durch die anstehenden technischen Entwicklungen keineswegs die Aufgaben ausgehen werden, sondern dass ganz im Gegenteil die zentrale Rolle verhaltensorientierter Forschung im Verkehrssystem weiter zunehmen wird. Ich wünsche Ihnen nicht nur einen interessanten Kongress, einen erfreulichen Aufenthalt in einer m.E. faszinierenden Stadt, sondern vor allem auch den aus diesem Kongress hervorgehenden Impetus, als Psychologen die Zukunftsaufgabe die Mobilität aktiv zu gestalten.

Prof. Dr. Alf Zimmer
Rektor der Universität Regensburg