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Nach dem BDP-Kongress für Verkehrspsychologen - Wer spricht noch über Alkohol?

Interview mit Dr. Fritz Meyer-Gramcko

Der BDP-Kongress für Verkehrspsychologie in Regensburg hatte insgesamt über 300 Teilnehmer. Das scheint den Erfolg eines Konzepts der Vielfalt zu bestätigen. Auf der anderen Seite mussten sich einzelne Referenten mit hochspannenden Themen mit wenigen Zuhörern zufrieden geben.

Das ist eine Frage der Konzeption. Wir haben in Regensburg die Konzeption von Braunschweig 1998 fortgeschrieben. Damals war es unser Ziel, alle Verkehrssysteme einzubinden. Zweitens wollten wir mit den Abnehmern psychologischer Leistungen stärker ins Gespräch kommen. Wir haben die Teilnahme von Nichtpsychologen nicht nur ermöglicht, sondern auch deutlich erhöht. Ich denke, wir müssen an dieser Konzeption nicht grundsätzlich etwas ändern, wohl aber Platz schaffen für die Vertiefung einzelner Gebiete. Von einer thematischen Eingrenzung halte ich wenig. Denkbar sind jedoch thematische Schwerpunkte, die durch andere Beiträge ergänzt werden. Die geringe Zuhörerzahl bei einigen Vorträgen halte ich nicht für problematisch. Alle Referenten wissen, dass sie im Wettbewerb zu anderen stehen. Durch die Gestaltung des Programms haben wir diesbezüglich in Regensburg gute Fortschritte gemacht.

Es gab ein sehr interessantes Rahmenprogramm, dass einige Teilnehmer in Konflikte gestürzt hat.

In der Tat haben einige es als konkurrierend zum Tagungsprogramm empfunden und dies kritisch angemerkt. Das war im Rahmen der vorgegebenen Anzahl von Beratungstagen nicht anders zu lösen. Für die Zukunft müssen wir darüber nachdenken, ob eine Erweiterung möglich ist oder wir ein Stück Vielfalt am Ende doch opfern. Letzteres würde ich bedauern. Eher könnte ich mir zwischen den Kongressen eintägige Symposien vorstellen, z.B. zur Schifffahrtspsychologie. Die Kongresse mit ihrer Vielfalt helfen uns doch gerade, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Neue Themen rund um das Freizeitverhalten bis in den Tourismus hinein, aber auch die Beschäftigung mit dem Einfluss der Arbeitsbedingungen auf das Verkehrsverhalten bieten noch viel Stoff für spannende Tagungen. Andere Themen wie Alkohol sind weitestgehend ausgeschöpft.

War der Kongress eher eine streitbare oder vor allem eine informative Veranstaltung?

Es gab durchaus streitbare Auseinandersetzungen. Zum einen trafen inhaltlich unterschiedliche Meinungen aufeinander - das belebt einen Kongress-, zum anderen gab es auch Kritik am Niveau einzelner Beiträge. Einige Vorträge wurden als Marketingveranstaltungen spezieller Unternehmen empfunden. Das ist nicht im Sinne der Veranstalter.
Die Kritik zwingt zu der Überlegung, wie wir die Qualität der vorgeschlagenen Vorträge noch besser im Vorfeld überprüfen können. Anhand der Abstracts ist dies nicht immer ganz einfach. Der BDP ist keine Wissenschaftlerorganisation, sondern ein Berufsverband. Wir haben die Verbindung herzustellen zwischen Wissenschaft und Praxis und unterscheiden uns insofern vom DGPs-Kongress. Dennoch muss noch sorgfältiger abgewogen werden, welche Vorträge wir annehmen und welche ablehnen.

Die Öffentlichkeit erwartet von den Verkehrspsychologen inzwischen mehr als Kraftfahrereignungsuntersuchungen. Das hat das rege Medieninteresse z. B. an der Tunnel- und der Fluglotsenthematik gezeigt.

Diese Fragen hatten einen deutlichen geografischen und zeitaktuellen Bezug. Außerdem haben wir mit der Pressearbeit des Verbandes auf diesem Kongress wirklich einen Durchbruch erreicht. Es gab ein starkes Interesse sowohl der Presse aus der Region als auch von Funk und Fernsehen bis hin zum SPIEGEL, der sich für die Tunnelthematik ebenfalls interessierte. Eine Schlagzeile, die ich gesehen habe - "Verkehrspsychologie ist mehr als der Depperl-Test" - steht für die wachsende Aufgeschlossenheit gegenüber der Themenvielfalt in unserer Sektion. Das ist eine gute Basis, auf der wir aufbauen können.

Welche Bedeutung haben europäische Abstimmungsprozesse für die Verkehrspsychologen und wie kann sich das noch besser in künftigen Kongressen niederschlagen?

Wir sind in einer ähnlichen Situation wie beim Boxeraufstand - Germans to the front. Worum geht es? Es geht darum, ob für die Harmonisierung des Führerscheinwesens in Europa das deutsche System von Fahreignung (Driver Improvement und Driver Assessment) zum Maßstab genommen wird oder ob sich andere Konzepte durchsetzen. Eine knappe Mehrheit der europäischen Staaten unterstützt das deutsche System. Bei einer EU-Erweiterung um osteuropäische Staaten kann es zu einer respektablen Mehrheit kommen, aber noch ist nichts entschieden. Wir dürfen nicht müde werden, unser Konzept nach draußen zu tragen. Sollten wir damit keinen Erfolg haben, wäre das jedenfalls problematisch für die Mehrheit der Kollegen. Noch haben zu wenig Kollegen ihre Instrumente in diesem europäischen Konzert gestimmt. Zu wenige sind in der Lage, sich auf englischsprachigen Kongressen Gehör zu verschaffen. Wenn unsere wissenschaftlichen Arbeiten und unsere EU-politischen Positionen wahrgenommen werden sollen, dann werden wir um die englische Sprache nicht herumkommen. Diesbezüglich stellte der Kongress in Regensburg keinen weiteren Fortschritt dar, war die Anzahl der ausländischen Beiträge doch geringer als in Braunschweig. Zugleich müssen wir uns sprachlich öffnen mit eigenen englischsprachigen Beiträgen. Beides bedarf anderer Vorbereitungen als wir sie zur Zeit leisten und leisten können.

Aus: Report Psychologie 10/02